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Schreib dich frei

Geliebtes Nichtstun - warum es sich lohnt

Kennst du das? Vor dir liegt ein Berg von Dingen, die du dringend tun möchtest. Ein bestimmtes Buch lesen, das Badezimmer putzen, Yoga-Übungen machen, Katzenfutter kaufen, eine Geschichte schreiben und und und. Doch du sitzt einfach nur da und schaust ins Nichts.
rumliegen und nichtstun

Der Beginn des Nichts

Bei mir hat es vor ein paar Wochen angefangen. Vielleicht lag es an Corona. Vielleicht haben es auch die Vorboten meiner Wechseljahre ausgelöst. Auf jeden Fall erwische ich mich dabei, wie ich auf dem Boden sitze und ins Nichts starre.
„Hallo? Was machst du da? Los, tu was!“, rede ich mir zu. „Du willst einen Kuchen backen, Töchterchen braucht Hilfe bei den Hausaufgaben und hast du den Schreibkurs für morgen schon vorbereitet?“
Mühsam rappele ich mich auf und gehe zum Alltag über. Doch das Nichts kommt zurück. Unaufhaltsam. Immer öfter.

Freizeitbeschäftigung Nichtstun

Eine Studie über die Freizeitbeschäftigung der Deutschen von der Stiftung für Zukunftsfragen macht mich hellhörig: Da findet sich „Faulenzen, Nichtstun, Chillen“ (wer kam auf diese Wortkombination?) auf Platz 14. Und „Seinen Gedanken nachgehen“ sogar auf Platz 8 (www.freizeitmonitor.de).
Immerhin, ich scheine nicht die einzige zu sein. Warum also habe ich dabei ein so schlechtes Gewissen? Wahrscheinlich, weil es diese Zeit eben nur einmal gibt. In der Zeit, in der ich ins Nichts schaue, hätte ich doch können … Außerdem gibt es unzählige Ratgeber, die mir sagen wollen, wie ich meine Zeit am effektivsten nutze. „Nichtstun“ gehört da gewiss nicht dazu. Und überhaupt, „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Das wusste schon meine Großmutter.

Nichtstun und Müßiggang

Müßiggang. Diesem Wort begegne ich fast gar nicht mehr. Ich schnappe mir den Duden. Die deutsche Rechtschreibung, 24. Auflage. „Müßiggehen“, lese ich da, bedeutet „nichtstun, faulenzen“.

Auch hier also die klare Abwertung. Der Müßiggeher macht sich nicht nützlich. Nach und nach versumpft er, verlässt die rechte Bahn, wendet sich den Lastern zu. Wieder sehe ich meine Großmutter mit einem erhobenen Zeigefinger. Trotzdem hege ich doch eine gewisse Sympathie gegenüber meinem Nichts. Ist es mit mir schon so weit? Bin ich bereits durch und durch verdorben? Vielleicht. Trotzdem suche ich noch weiter. Dabei lande ich statt „Müßiggang“ bei der „Muße“. Und hier verrät mir Wikipedia: „Als Muße bezeichnet man die Zeit, die eine Person nach eigenem Wunsch nutzen kann.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Mu%C3%9Fe).
Ich danke vielmals. Ich habe also Muße. Ich habe freie Zeit, die ich für mich selbst nutzen kann. Ich habe Muße, um einfach so auf die Wand zu schauen oder um lustzuwandeln, um mich inspirieren zu lassen, die schönen Künsten zu pflegen oder solchen dubiosen und oft ungewollten Tätigkeiten wie dem Selberdenken nachzugehen. Kommt dieser negative Beigeschmack vielleicht daher?

Nichtstun und Müßiggang

Und wieder passiert es. Das Nichts ist da. Doch diesmal ist es nicht angenehm. Es ist ein Nichts, das aus der Lähmung entsteht. Die Ohnmacht gegenüber einer schwierigen persönlichen Situation oder dem Schrecken in der Welt. Meine Unfähigkeit, daran etwas zu ändern, verbunden mit der Scham, es noch nicht einmal zu versuchen.
Das Nichts ist angefüllt mit Schwere, mit Nebel, in dem ich stolpere, in dem ich mich verkrieche.
So lange, bis mein Kätzchen zu mir aufs Sofa hüpft. Ganz vorsichtig setzt es seine Pfötchen. Es will mich nicht stören, nur in diesem Moment an meiner Seite sein. Ich will es hier nicht idealisieren. So unschuldig die kleine Katze auch gerade wirkt, sie ist ein Raubtier und in unseren Blumenbeeten stapeln sich die begrabenen Mäuseleichen. Und doch wünsche ich mir ein Stück von dieser Behutsamkeit im Augenblick auch für uns Menschen.
Jetzt rollt sich die kleine Samtpfote auf meinem Bauch zusammen und unterlegt meinen Nebel mit einem Schnurren.

Ich beginne, diesen Nebel noch tiefer zu durchdringen. Und dort, im Kern meines Nichts, finde ich plötzlich Vertrauen.
Ich weiß nicht, ob es gerechtfertigt ist oder nicht. Ich weiß auch nicht, worauf es sich richtet. Ich spüre nur, dass dieses Vertrauen da ist, groß und mächtig mein Nichts erfüllt und den Nebel zu lichten beginnt.

Vielleicht ist ja genau das der Prozess: Das Nichtstun als Beginn einer inneren Reinigung. Vielleicht muss ich meinen Kopf manchmal ausleeren, wie einen überquellenden Mülleimer, um tief in mir eine innere Kraft zu finden. Mein Duden spricht bei Muße von „innerer Ruhe“. Ja. Ich spüre sie.

Nichtstun als Selbstfindung

Beim Durchlesen des Textes entdecke ich eine Steigerung im Nichts. Beginnend mit dem Nichtstun als reines Ausruhen. Die so bitter benötigte Pausentaste im Alltagsstress. Doch wenn ich mich darauf einlasse, dann führt es mich tiefer. Es verschafft mir Zeit für Inspiration, für meine Gedanken.
Schließlich muss ich eine Grenze überwinden und finde zu mir selbst. Kann wachsen in Liebe und Vertrauen.
Ich staune über diese Erkenntnis. Voller Dankbarkeit schließe ich mein Nichts in die Arme. Jetzt weiß ich, dass ich mir das Nichtstun einfach zugestehen muss, ja, es sogar üben sollte. Und ich stelle mir vor, dass Gott mich nach dem Tode fragt: „Und, was hast du in deinem Leben getan?“ Gibt es da eine bessere Antwort als zu sagen: „Nichts“?

Schreibanregung zum Nichtstun

Das Nichtstun hat so viele Facetten. Ich habe nur ein paar davon angestoßen. Was sind deine Gedanken dazu?

Autorin Florentine Hein und das Nichts

Als Autorin schreibt Florentine Hein Kinderbücher und Liebesromane. Als Schreibcoach in der Pegasus Schreibschule zeigt sie Autorinnen und Autoren, wie sie ihre Geschichten zum Funkeln bringen. Wenn sie dazwischen einmal Zeit hat, dann legt sie sich auf ihr Sofa oder auf einen anderen Platz und trainiert das Nichtstun.

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Nächster Schreibkurs mit Florentine:

Mein Buch in einem Jahr – Start 1. Februar 2023.

Herztraining – Schreiben mit Gefühl. Start: Februar 2023. (Termine vorher sind mit Heike. Auch ganz toll (-:) Mehr Infos hier.

Kinderbücher und Geschichten von Florentine mit Ausmalbildern und Bastelideen findest du auf im Kinderbuchverlag Spinnlabor. www.spinnlabor.de

Florentine Hein Schreibcoach der Pegasus Schreibschule