Schamanisches Reisen für Autoren

"Eine der wichtigsten Aufgaben des Schriftstellers ist es, seine eigene Stimme zu finden. Es dauert lange, durch die mehr oberflächlichen Stimmen durchzudringen und die tiefe Signatur deines Andersseins zu berühren", schreibt der irische Dichter und Bestsellerautor John O'Donohue.

In diesem Workshop geht es darum, eine tiefere Ebene unserer Kreativität zu erreichen, die wir weder kontrollieren noch manipulieren können, die uns jedoch mit unserer unverwechselbaren Vorstellungskraft und Ausdruckskraft in Verbindung bringt. Dort treffen wir auf Weisheit, Imagination, Musen, Archetypen und innere Führung, die uns neue Möglichkeiten für unser Schreiben, unsere Stoffe und unsere Entwicklung als Autor eröffnen.

Ob Sie schon lange schreiben oder mit dem Schreiben beginnen, jeder Autor steht irgendwann vor dem Eingang zur Höhle und muss sich entscheiden, ob er eintreten will. Dieser Schritt verlangt Mut, er konfrontiert und damit, dass wir mit dem Schreiben eine Kunst gewählt haben, die jenseits unserer Kontrolle liegt. Die Kraft unserer Seele ist die einzige wirkliche Kraft, die wir als Schriftsteller haben. Die Frage ist, ob wir bereit sind, unserer inneren Weisheit zuzuhören.

Wir werden geführte Reisen unternehmen in die Obere Welt, die Untere Welt und zu unserem Traumhüter. Wir werden darüber schreiben. Den Samstagabend werden wir gemeinsam verbringen.

O'Donohue schreibt weiter: "Im alten Irland galt die Berufung zum Dichter als eine göttliche Gabe. Der Dichter vereinigte in sich die übernatürliche Seherkraft des Druiden und die Macht der Kreativität. Er hatte Zugang zu Geheimnissen, die der breiten Masse vorenthalten waren."

Vielleicht entdecken wir in uns die Kraft des alten Geschichtenerzählers, des weisen Poeten und Reisenden zwischen den Welten, der seinen Lesern Dinge zu erzählen hat, die nie zuvor erzählt wurden, auf eine Weise, die niemand zuvor gehört hat.

Voraussetzung: Schreiberfahrung ist nicht nötig, aber psychische Stabilität und der Mut, sich unerwarteten Erfahrungen auszusetzen.

In Arbeit befindliche Projekte können mitgebracht werden.  

 

Am 8. März 2011 hatte das Seminar "Schamanisches Reisen für Autoren" Premiere. 5 Pioniere reisten in die nicht-alltägliche Wirklichkeit und trafen Ogma, den Hüter der Buchstaben. Lesen Sie Texte die dabei entstanden sind.  

 

 

Eva-Marie Hack

Reise in die Unterwelt

Die Krafttiere

 

Die Reise ist mir nicht neu und ich spüre, dass meine beiden Krafttiere, die ich schon kenne, bereits auf mich warten. Mit Beginn des Trommelschlages finde ich mich an dem mir bekannten Berg, inmitten des Grand Canyons, wieder Die kleine Plattform auf der Westseite ist der Vorhof zu einem Höhleneingang, der wiederum Beginn eines schmalen, lehmigen Weges ist. Dieser Weg führt zwischen roten und grauen Felsen tief hinab. Die Dunkelheit auf diesem Weg wird gelegentlich von kleinen Löchern in den Felswänden, die Tageslicht hereinlassen, unterbrochen. Mit der Geschwindigkeit des Trommelschlages laufe ich immer weiter hinab, so lange, bis ich hell strahlendes Tageslicht an einem Höhlenausgang sehe. Vor dem Ausgang liegt heller Sand, an den ein dichter Wald mit herrlichen Grüntönen anschließt. Auf einem Baumstamm, mir gegenüber, sitzt mein erstes Krafttier, der Adler. Er blickt mich mit seinen dunklen Augen prüfend an, so als wolle er sicher gehen, dass ich das wirklich bin. Ich erkenne ihn sofort und nach wenigen Augenblicken spüre ich, dass auch er weiß, wer da aus dem Höhlenloch gerannt kam. Er stößt einen lauten Schrei aus, der auf meinem Gesicht ein liebevolles Lächeln zaubert. Ich freue mich so sehr, meinen freien, alles überblickenden Freund zu sehen, der aber nicht, wie sonst, auf meinen ausgestreckten Arm fliegt. Es scheint so, als ob der Schrei eher ein Ruf war. Mein zweiter alter Freund bahnt sich kraftvoll seinen Weg durch das grüne Gebüsch und springt auf mich zu. Es ist der weiße Wolf, der mich wie ein Husky, mit einem dunklen und einem blauen Auge ansieht und stürmisch auf mich zuspringt. Seine Schnauze sieht aus, als lächle sie mich an. Er springt freudig an mir hoch und begrüßt mich mit wedelndem Schwanz. Ich gehe in die Hocke und schlinge meine Arme um seinen buschigen Hals, mit weißem, dicht bewachsenem Fell.


 

Er leckt mir stürmisch hechelnd das Gesicht und jault immer wieder auf. Als diese warmherzige Begrüßung langsam weniger wird, strecke ich meinen Arm nochmals aus. Jetzt kommt auch mein Adler angeflogen und lässt sich schwer auf meinem Arm nieder. Er schreitet langsam und erhaben in Richtung meiner Schulter, blickt mich aufmerksam an und senkt den Schnabel, hin zu meiner Wange, die er mit seiner trockenen, rauen Zunge ganz sanft berührt;  was für tolle, treue Tiere. Ich spüre, wie wir alle drei ungeduldig werden und der unausgesprochene Wunsch im Raum ist, gemeinsam zum weiten Strand zu laufen oder zu fliegen. Ich schwinge meinen Arm als Starthilfe für den Adler in Richtung Himmel, der ohne eine Wolke azurblau und sonnendurchflutet strahlt. Während der Adler kreischend über uns fliegt, rennen der Wolf und ich am Strand entlang, in den weichen, warmen Sand einsinkend. Das Meeresrauschen und der Wind in meinem Gesicht machen mich super glücklich. In der Ferne sehe ich einen riesigen, grauen Felsen, der so scheint es, den Strand fast teilt. Der Adler hat sich schon auf der Plattform des Felsens niedergelassen und blickt wartend und einladend auf uns. Gleich darauf springt der Wolf aus seiner Laufbewegung auf die Plattform und ich klettere in wenigen Zügen ebenfalls hinauf. Alle drei lassen wir uns den Wind ins Gesicht wehen, während meine Füße am Fels hinab baumeln. Der Wolf liegt zufrieden hechelnd neben mir. Meine Hand ist in seinem Fell und krault es sanft. Wir blicken alle drei zum weiten Horizont. Der Adler hat es sich zwischenzeitlich wieder auf meiner Schulter bequem gemacht und ich spüre nur noch Zufriedenheit, Stille, Eintracht, innere Ruhe und eine tiefe Verbundenheit mit meinen Krafttieren. Die drei Trommelschläge rufen mich wieder zurück. Im Laufschritt drehe ich mich um und rufe meinen beiden Krafttieren zu, dass ich das nächste Mal nicht mehr so lange auf mich warten lasse.

 

 

Andrea Zieglowski

Begegnung mit dem Geist der Buchstaben

 

Die Trommel ruft. Der Geist drängt. Aus der Wüste erhebt sich ein Pfau aus Silber. In seinem prächtigen Radkranz blinken Edelsteine aller Art.

"Komm näher und tritt ein", spricht der Pfau.

Ping und Ring. An der Vorderseite seines Bauches gleiten die Türen eines modernen Liftes auf.

"Wow, sieht aus wie auf der Enterprise. Jetzt geht es zu Mister Spock. Nix wie rein." Ich stürme vorwärts.

Die Türen schließen sich mit einem Zischen. Erwartet hatte ich eine Hebung nach oben zu den Sternen, aber ich fuhr nach unten.

"Schauen wir mal", sagte ich laut.

Irgendwann hielt der Lift. Das Ding hatte mich nicht auf der Brücke der Enterprise, sondern auf einer Waldlichtung ausgeladen. Mitten in der Natur.

"Passt besser zum Workshop", murmelte ich.

Ich sah mich um. Hohe Tannen, die sich dicht um die Lichtung drängten, dahinter Schwärze. Ich mitten auf dieser Briefmarke Sonnenschein.

"Na spitze! Ich bin in Zi-Za-Zus Zauberwald."

Zuerst freute ich mich, aber dann dämmerte es mir. Was, wenn Theodux hier aufkreuzte? Oder Zack, der fiese Fuchs, im Gebüsch lauerte? Nicht mal meinen Bu hatte ich dabei.

"Ich bleib hier!", entschloss ich mich. Abwarten und Tee trinken. O.k., der Tee fehlte, den hatte Madame Nini. Ich wartete und wartete und wartete.

Endlich schimmerte es zwischen den Tannen. Das Licht kam näher.

Hey, vielleicht ist das Zi-Za-Zu auf Schatzsuche. Das wäre ja ein Ding. Ich bin live in meinem Buch dabei. Megastark.

Das Licht kam näher. Aber nicht Zi-Za-Zu, Maxi oder Bu traten aus dem Wald, sondern ein kleines Wesen flatterte aus den Tannen hervor.

Das süßeste knuddeligste Wesen auf der ganzen Welt. Ganz aus Gold. Goldene Locken, blaue Saphiraugen, goldene Haut. Sie sah aus wie meine Tochter. Nur mit Flügeln. Sie lächelte.

"Willkommen im Zauberwald, Andrea. Wir haben dich erwartet."

"Äh, hallo. Wer ist wir?"

"Na, wir", rief eine helle Stimme und gleich darauf sprang ein großer rosa Fuchs auf die Lichtung. "Grüß Gott. Ich bin Zackira und das ist Theodosia.“

"Moment mal!" Ich hob die Hände. "Ihr seid echt?" Oder welche Kräutli sind wieder dafür verantwortlich? Reinhold wird was erleben!

"Natürlich sind wir echt. Ich bin Theodosia, die Wurzelfee, und das ist Zackira."

"Seid ihr mit ...?"

"Ja, ja. Ich bin die Schwester von Zack, dem fiesen Fuchs. Theodosia ist die Cousine dritten Grades von Theodux, dem gemeinen Wurzelzwerg."

"Alles klar." Mein Magen war etwas flau. "Schön, euch zu treffen."

"Schön, dich zu sehen. Gut, dass du da bist. Wir brauchen deine Hilfe. Komm bitte mit."

Also folgte ich den beiden in den dunklen Forst. Lange liefen wir über unebenen Waldboden. Die Füße taten mir weh. Endlich gelangten wir in ein Tal, das tief durch den Zauberwald schnitt. Dort stand ein Barockschloss aus rotem Sandstein. Auf den Wiesen und Gärten ringsum tummelten sich bunte Ponys mit Libellenflügeln.

"Willkommen auf Schloss Pfauenstein. Das da sind die Elfenponys. Wir alle wohnen hier."

"Beeindruckend", sagte ich. Nette Hütte, dachte ich neidisch. Meine Figuren wohnen besser als ich. "Und wie kann ich euch helfen?"

"Komm mit." Sie führten mich in einen Kräuterküchengarten. Dort stand ein malerischer gemauerter Ziehbrunnen, komplett mit Dach und Eimer. Der Brunnen hatte ein nettes Gesicht. Aber momentan war es grün angelaufen.

"Das ist Otto, unser Quasselerzählbrunnen. Ihm geht es nicht so gut. Gestern war Wiccus, der graue Magier, da. Er wollte mit Otto sprechen und nun... Er hat sich den Magen verdorben. Irgendetwas steckt darin", sagte Theodosia. "Kannst du ihm helfen, Andrea?"

"Und wie?" Obwohl es mir schwante.

"Du musst dich hinablassen."

Genau wie im Märchen mit der bösen Hexe, dachte ich. Aber ich fühlte keine Gefahr, als ich in Otto hinabsah. Es war finster. Schwarz als schwärzer. "Ich mach’s."

Also geschwind mit einer Taschenlampe in den Eimer gesetzt. Im Zauberwald geht das. Die Wurzelfee und die rosa Füchsin ließen mich hinab.

Komisch, an den Wänden hingen alte Bekannte aus meiner Schattenwelt. Lange hatte ich mit ihnen gerungen, sie gezwungen und nun waren sie ein Teil von mir. Wir winkten uns zu.

Unten angekommen landete ich auch prompt neben Ottos Magengeschwür, einer Schatzkiste ohne Schloss.

Ich klappte sie auf. Darin lag ein Küchenschneidebrett aus Holz. Seltsame, aber sehr vertraute Symbole waren darauf eingebrannt. Ich las:

 

Entspanne und erkenne!

Du hast alles!

Mach etwas draus!

 

Ich nahm die Kiste samt Inhalt und fuhr nach oben. Als ich ausstieg, war Otto nicht mehr ganz so grün.

"Hast du gefunden, was du gesucht hast?" Theodosia grinste.

"Ja, danke."

"Lass uns Tee trinken", lud Zackira ein.

"Gerne." Ich folgte den beiden in die Gärten zu einer Laube. Dort tranken wir Tee und plauderten.

"Warum bist du eigentlich rosa, Zackira?"

"Rosa ist im Moment der letzte Schrei im Zauberwald."

Wir plauderten weiter und tranken Tee. Gemütlich wartete ich auf das Zeichen zur Rückkehr.

 

Andrea Zieglowski

Der Sturm

 

Ich taste mich in das Tosen des Sturms. Es ist so dunkel. Es ist so laut. Ich fühle etwas Hartes unter meinen Fingern. Hart, kalt, glitschig. Als ob ein Schalter umgestellt wurde, ist es plötzlich still. Eine Grabesstille. Nur meinen keuchenden Atem höre ich. Mein Herzschlag dröhnt in meinen Ohren. Oder ist es der Schlag der Trommel?

Ich taste um mich, an mir herab. Kein Bu, kein Handy, um Licht zu machen. Ich bin allein. Mutterseelenallein. Die Luft ist eisig.

"Hallo, hört mich jemand? Ist da wer?"

Das Echo ist dumpf. Ich taste wieder um mich herum. Es scheint eine Wand aus feuchten Steinen zu sein. Ich mache einen Schritt. Platsch! Ich stehe im Wasser.

Ich schnuppere. Igitt! Fäulnis, Moder, Tod!

Ich habe Angst. Ich bin allein. Niemand hilft mir.

Ich zittere, aber nicht von der Kälte dieses schrecklichen Ortes der Finsternis.

Ich taste mich an der Wand entlang. Gut, dass ich nicht sehen kann, was ich da berühre. Ich höre manchmal ein Knirschen, wenn ich auftrete. Knochen?

Meine Gedanken rasen. Ich spinne Millionen Möglichkeiten, zu entkommen. Mein Gehirn schießt Kopeister. Ich erstarre, weil mich die Gedanken, Pläne, gedachten Aktivitäten lähmen.

Sind meine Schatten wieder da? Sie zerren an mir. Ich wanke und wirbele wild hin und her, wie ein Blatt im Sturm.

Halt! Stopp! Moment mal! Ich atme tief durch. Nochmal. Nochmal. Nochmal. Nochmal. Nochmal.

Ich fege mein Gehirn leer und denke an meinen Kumpel, das Nix - das totale Nix.

"Andrea! Andrea!" Eine Stimme ruft mich. In der Ferne dieser Schwärze glimmt es. Wie ein Glühwürmchen, das näher kommt, schwebt das Lichtlein herbei.

"Hey, Andrea." Es ist Bert, mein Kolibri, mit einer glimmenden Marlboro im Schnabel. "Du hast dein Brett vergessen. Nagel es dir an deine Birne, wenn's hilft."

"Danke, Bert." Ich nehme mein Brett und umarme es. Ich lese:

 

Entspanne und erkenne!

Du hast alles!

Mach etwas draus!

 

"Warst du mal wieder von deinem Weg abgekommen und hast dich im Aktionismus deiner Energien verzettelt, was?", feixt Bert.

"Ja, ja, ja", gebe ich genervt zu.

"Hast du nun kapiert?"

"Ja, ja, ja! Ich hab's kapiert. Ich schreibe nur ein Buch. Ich schreibe weder einen Liebesroman, noch einen Krimi, noch einen Thriller. Ich schreibe das, was mein Brett mir sagt."

"Sehr gut", sagt der Kolibri. "Willst du auch eine Fluppe?"

"Nein danke. Eine Wasserpfeife wäre mir lieber.“

"Kannst du gerne haben."

"Wie das denn?"

"Wiccus, der graue Magier, hat eine. Die besorgen wir uns einfach."

"Wieso Wiccus?"

"Weil wir", doziert der Kolibri, "im Wiccus Kellerkerker unter dem Turm, zu dem niemand sich traut, sind. Da kannst du gleich ein paar neue Ideen für dein witziges Erwachsenen-Märchenbuch sammeln. Fang an!"